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Liebe Mitglieder und Freunde der Deutschen Gemeinde in Estland!
Immer wieder stösst man hier in Estland auf ein und dasselbe kulturelle Vermittlungsproblem. Ein Deutscher formulierte es einmal so: „Bei der Arbeit komme ich so gut mit meinen estnischen Kollegen aus, aber auf der Strasse grüssen sie mich nicht einmal. Ich komme nicht in ihren Freundeskreis hinein. Und ganz bestimmt erzählen sie mir nie etwas von ihren Problemen.“ Die Lösung für einen Teil des Problems liegt auf der Hand: bei den vielfältigen Beschäftigungen bleibt Vielen hier kaum Zeit, sich um ihren gewachsenen Freundeskreis zu kümmern, geschweige denn, ihn noch auszubauen, womöglich auf Leute, mit denen sie dann in ihrer Freizeit Englisch reden müssten und die nach ein paar Jahren sowieso wieder weg sind.
Aber es gibt noch eine von kulturellen Unterschieden ganz unabhängige Seite des Problems. Warum wird, auch in Freundschaften, so selten über Probleme geredet? Wer sich einmal die Zeit nimmt, einen Menschen etwas genauer kennenzulernen, der kann feststellen, dass es eigentlich keine Menschen gibt, die keinerlei Probleme haben. Es gibt wohl solche, die so erscheinen, aber bei näherem Kennenlernen merkt man, dass auch dieser Mensch sein Bündel zu tragen hat. Warum er dies für sich behält, kann ganz verschiedene Gründe haben: Vielleicht will er mit mir nicht in so grundsätzlicher Weise zu tun haben. Das muss ich respektieren. Vielleicht aber ist es auch einfach Bescheidenheit und Rücksichtnahme. „Ich will den anderen nicht mit meinen Konflikten, Problemen und Gedanken belästigen.“ Diese Rücksichtnahme findet sich in Estland häufig. Es muss schon eine ganze Menge geschehen, bevor man sich doch offenbart, weil der innere Druck zu gross wird.

Frühjahrshochwasser am Emajõgi ( Embach) in Südestland
Persönliches preiszugeben. Wenn ich mich als Mensch mit Problemen zeige, riskiere ich ja zweierlei:
1. Ich werde für schwach gehalten, vielleicht für immer, und wer möchte denn so etwas? Zum Problem kommt das dann noch erschwerend hinzu. Eigentlich wollte ich mich ja nur mal aussprechen. Und überhaupt, was heisst denn hier schwach? Es sind doch noch Ressourcen da, ich atme und verhalte mich freundlich. Dann kann doch wohl von Schwachheit keine Rede sein!
2. Es finden sich Helfer. Helfer, die die besten Absichten haben, aber trotz aller Versuche eigentlich keine Ahnung haben, was in mir vorgeht. Alle Ratschläge sind ja lieb gemeint, machen mich aber nun noch zusätzlich wütend. „Hätte ich bloss meinen Mund gehalten!“ Vielleicht ist es aber auch die Not, nicht in die eigenen Tiefen blicken zu wollen, sondern lieber etwas Angenehmeres nach aussen zu kehren. Auch das ist sehr nachvollziehbar. Lieber nicht zur Ruhe kommen, sondern in Gang bleiben. Wenn ich keine Zeit habe, in den Spiegel zu blicken, muss ich mich auch nicht damit beschäftigen, was ich da sehen würde. Über das, was ich dann erreiche, und worüber ich stolz bin, wofür ich geliebt oder bewundert werde, vergesse ich vielleicht auch das, was mich im innern drückt.
Jesus konnte Leuten so zuhören und ihnen solche Worte sagen, dass sie getröstet, gestärkt, befreit und verändert aus diesen Gesprächen hervorgingen. Er fragte den Menschen nach seinem Anliegen, aber nicht einfach so, sondern so, dass der andere oder die andere tatsächlich ihr Anliegen sagen konnte und wollte. Und dann gab Jesus genau die Antwort, die nötig war: Herausfordernd oder tröstend, befreiend, bestätigend oder die Veränderung herbeiführend. Die Antwort war allerdings nicht immer die, die die Gesprächspartner nun gerade gerne gehört hätten. Es ist nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen, wenn ich mich gegenüber den Problemen anderer hilflos, gegenüber dem Leid des anderen sprachlos fühle. Denn dann habe ich Anteil an dessen Ratlosigkeit, und platsche nicht als Besserwisser auf der Oberfläche des Problems herum.
Vielleicht bringt mich die Suche nach den richtigen Worten zum Beten. Denn Jesus ist ja nicht verschwunden. Nur ein Gebet weit entfernt ist er. Wenn überhaupt so weit. Und noch heute findet er die richtigen Worte und versteht uns tiefer als wir selbst. Solche Hilfe wünsche ich mir. Und viele Menschen, die sich selbst so zurücknehmen können, dass sie in solcher Vollmacht hören und reden können.
Einen gesegneten und fröhlichen Frühling!
Mit herzlichen Segenswünschen
Ihr/Euer Pfarrer Matthias Burghardt
